Südafrika: Durchs offene Fenster der Geschichte
Vor 20 Jahren wurde Nelson Mandela freigelassen. Frederik Willem de Klerk, der letzte weiße Präsident, hatte mit diesem Schritt das Ende der Apartheid eingeläutet.
Kapstadt. Frederik Willem de Klerk hatte tatsächlich Wort gehalten: Am 11.Februar 1990 öffneten sich die Tore des Victor-Verster-Gefängnisses bei Kapstadt – und Nelson Mandela war ein freier Mann. Nach 27 Jahren Haft, abgesessen zum Großteil auf der Gefängnisinsel Robben Island. Da stand die Ikone der Antiapartheidbewegung nun, ungebrochen, und reckte die Faust in einer Geste des Triumphes in die Luft.
Bilder, die viele schwarze Südafrikaner noch kurz zuvor als Hirngespinst abgetan hätten. Doch Anfang Februar 1990 kündigte Präsident de Klerk eine radikale Wende im Apartheidstaat an: Mandela werde freigelassen, das Verbot aller Parteien der schwarzen Mehrheit aufgehoben. Drei Jahre nach seiner historischen Rede wurde de Klerk und Mandela der Friedensnobelpreis verliehen. Echte Freunde wurden der letzte weiße und der erste schwarze Präsident Südafrikas zwar nie, aber sie gehen respektvoll und ausgesucht höflich miteinander um.
Zumas „Jakobiner“
„Lieber FW, wir sind seit jenen Tagen weit gekommen“, ließ der 91-jährige Mandela bei einem Festakt anlässlich der historischen Rede de Klerks in Kapstadt verlesen, „aber vieles muss noch getan werden.“ Es sollten die einzigen Worte eines Mitgliedes des regierenden Afrikanischen Nationalkongresses ANC bleiben, die de Klerk an diesem Tag hören sollte. Weder von der Regierung noch vom ANC selbst kam ein Wort der Anerkennung. Überhaupt waren nur vier schwarze Südafrikaner bei dem Festakt anwesend.
De Klerks überraschend mutiger Schritt, der unweigerlich die Aufgabe des weißen Machtmonopols bedeutete und tatsächlich binnen vier Jahren den fast kompletten Verlust der Regierungsgewalt bedeutete, musste daher von anderen gewürdigt werden. Nacheinander meldeten sich Altbischof Desmond Tutu, Michail Gorbatschow und George Bush senior zu Wort.
Tutu sprach von einem „Holzpfahl, der durch das Herz eines grausamen Systems“ gerammt wurde, Bush von einem „großartigen Moment politischer Courage“.
20 Jahre später gebe es zwar vieles, das man feiern könne, räumte Helen Zille ein, die einzige oppositionelle Provinz-Ministerpräsidentin. Aber die kämpferische Chefin der Demokratischen Allianz warnte eindringlich vor den „Jakobinern“ – machthungrigen Ministern im Kabinett von Präsident Jakob Zuma, die auch vor einer Untergrabung der Verfassung nicht zurückschreckten. Zuma selbst habe erklärt, das der ANC wichtiger sei als die Verfassung, sagte Zille. Ihre Partei werde alles tun um zu verhindern, dass Südafrika einen ähnlich Weg wie das Nachbarland Simbabwe einschlage. Dort herrscht seit 1980 der Autokrat Robert Mugabe.
1990 historische Chance
Noch ist ein Vergleich zwischen Südafrika, wo in einem halben Jahr erstmals auf afrikanischem Boden eine Fußball-WM ausgetragen wird, und dem von Mugabe abgewirtschafteten Simbabwe abwegig. Es gibt freie Wahlen, Südafrika ist die wichtigste Wirtschaftsmacht Afrikas, Opposition und Presse können gefahrlos Missstände anprangern. Auch die Justiz ist unabhängig, steht aber unter zunehmendem Druck, der Regierungspolitik Folge zu leisten.
In seiner abschließenden Rede unterstrich de Klerk, er habe sich keineswegs spontan entschlossen, die festgefahrene Politik seines Vorgängers Pieter Botha aufzugeben und Verhandlungen mit dem ANC aufzunehmen. Vielmehr habe er die Lage im südlichen Afrika und in Osteuropa analysiert und sei zu dem Schluss gekommen, dass es Anfang 1990 eine historische Chance gegeben habe. Man sei durch das „offene Fenster der Geschichte“ gesprungen und in einem „viel, viel besseren Land angekommen“, sagte de Klerk.
Das mag eine sehr rosige Anschauung des vierjährigen Prozesses sein, während dessen tausende Menschen Opfer politischer Gewalt wurden und der mehrfach an der Kippe des Scheiterns stand. Aber niemand kann de Klerk den Moment nehmen, an dem er sein Land aus der Sackgasse führte.








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